Exposé zum Roman
»über nacht«

von Bertram Maria Keller

Becks stampfte was das Zeug hielt. Es stank fürchterlich und sah wirklich eklig aus. Robbie hatte das gesamte Waschbecken vollgekotzt. Bis zum Rand. Wie mit dem Lineal abgemessen. Becks musste das Waschbecken zum Abfließen bringen, sonst wäre das die letzte Fete im Club gewesen, die sie veranstaltet hatten. Wolfi und Horst spannten vor Mikels Schlafzimmertür. Alle wussten, daß Caro beim Sex heulte wie eine Sirene, doch es war immer wieder ein Schauspiel. Oben lief AC/DC und das Bier war fast alle. Eine Fete, wie sie Wolfi, Horst, Robbie, Mikel und Becks im Allgäuer Kaff ständig feierten, doch diesmal war’s etwas Besonderes: Es war das letzte Fest, bevor alles auseinander fiel.

Dass das alles schon über 15 Jahre her war und dass Becks gerade heute, wo er sein eigenes Geburtstagsfest feierte daran denken musste, machte ihn höchst nervös. Denn „er“ würde kommen. Nach so langer Zeit. Anlässlich des 20-jährigen Klassentreffens hatte er Mikel, der sich vor langer Zeit ins Ausland verabschiedet hatte, wieder „ausgegraben“. Dank dem Internet. Er hatte sich einfach aus dem Staub gemacht, als der Club „den Bach runterging“. Ausgerechnet zu Becks Fest hatte er sich zurückgemeldet. Chris, mit der Becks seit dem Schulabschluss zusammen war und die die erste und letzte Frau im “Club” gewesen war, freute sich ebenfalls auf Mikel. Doch sie blieb ganz ruhig. Warum nur?

Mikel kam und brachte eine ominöse Halskette mit. Becks schaffte Biertrinken auf ex nicht mehr und kam kaum zu Wort. Chris und Mikel hingen die ganze Nacht zusammen. Becks hing am Bier und später an Michaela. Der Redaktions-Praktikantin mit den tollen Brüsten. Das erste Treffen ging voll in die Hose. Doch zum Klassentreffen waren sie alle wieder da. Horst, der die elterliche Bäckerei übernehmen sollte und in eine Sekte abgedriftet war, Wolfi, der ehemalige Sonnyboy, der bei der Polizei gelandet war und Robbie an der Bar. Wo sonst. An der Bar mit Mikel, dem Star des Klassentreffens und Becks, der alles organisiert hatte. Immerhin war Mikel 15 Jahre in Spanien gewesen und alle hatten ihn vermisst. Als Becks nach einigen Tequillas „auf den Club“ seine Chris vermisste und zu suchen begann, begann auch das Desaster des Abends. Als Becks seinem besten Freund Mikel auf der Herrentoilette die Nase blutig schlug, endete das Klassentreffen und begann das Desaster seiner großen Freundschaft. Mit Mikel. Mit Chris. Mit seinen besten Freunden im Club - der zu der Zeit bereits lange gestorben war.
Ein leerer Bildschirm. Jahre später. Becks sitzt Nacht für Nacht vor seinem Computer und quält sich mit dem Anfang seines Romans. Der Club geht ihm nicht aus dem Kopf. Die fünf Freunde. Die Halskette. Mikel. Die Parties. Erinnerungen werden wach. Doch Becks findet keinen Anfang. Nur ein Ende nach dem anderen. Nacht für Nacht. Chris, mittlerweile seine Frau, hält ihm eines Tages eine Einladung unter die Nase. „Mikel lädt uns zu seinem 40. Geburtstag nach München ein“. Becks ist baff. Das angesagte Café in München. Ein Barocksaal. Unglaublich. Und das nach alledem?

Hätte Becks gewusst, daß Wolfi im Nadelstreifenanzug käme, dass Robbie sich dermaßen verändert hatte, daß Mikel alles ganz anders sah, dass Horst - ja wo war Horst eigentlich? Das waren mal seine besten Freunde gewesen. Und nun? Und dann auch noch Chris. Becks fühlte sich allein. Furchtbar allein. Selbst der Ober hasste ihn weil er sich weigerte Pro Secco zu bestellen und statt dessen ununterbrochen Beck’s in sich hineinschüttete. Ha - ein Beck’s für Becks. Was für ein Wortspiel, das Karl Martin Beck, alias Becks seit der 6. Klasse, seit den damaligen Club-Feten schon nicht mehr hören konnte: Ein Beck’s weil er es verdammt am liebsten trank, weil es ihm damals auch seinen Namen eingebracht hatte. Dass ihm allerdings genau das zum finalen Verhängnis würde, konnte Becks nicht einmal ahnen.

Der Abend wurde für Becks und seine Freunde ein Abend, den keiner jemals vergessen würde. Ein Abend, der alles veränderte. Ein Abend, der verletzen, verwundern, verbinden würde. Und doch: Danach hatte Becks endlich gefunden, was er so lange verzweifelt gesucht hatte. Einfach so - über nacht.

Ein Roman über Freundschaft. Liebe. Und den Versuch von fünf Freunden, erwachsen zu werden, ohne zu wissen, was das für sie bedeuten würde. Ohne zu wissen, wie schwierig das wäre. Ohne zu wissen, was verdammt nochmal erwachsen werden überhaupt ist.

Doch plötzlich waren sie es.
über nacht
ARTbmk★ Projekt "Agent D65"